Sonntag Judika – 29. März 2020
Rundfunkandacht von Dekan Dr. Wolfgang Bub zum Sonntagsevangelium Markus 10,35-45
Liebe Hörerinnen und Hörer,
gibt es das: Eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der niemand Macht und mehr Einfluss hat als andere?
Im Evangelium des Sonntags sagt Jesus: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Mit anderen Worten: Es geht auch ohne Herrschaft und Macht.
Unsere Erfahrung ist anders: Ohne Herrschaft geht es nicht. Ein Staat will regiert, eine Stadt verwaltet, eine Kirchengemeinde geleitet sein. Dafür braucht es Frauen und Männer, die das tun. Sie tragen Verantwortung. Ihnen sind Mittel in die Hand gegeben, um Entscheidungen durchzusetzen. In einer Demokratie haben sie ihre Ämter zugleich auf Zeit. Ihre Macht wird dadurch begrenzt. Sie können abgewählt werden. Mancher hat dies bei den Kommunalwahlen schmerzlich erfahren.
Nicht zu allen Zeiten und in allen Ländern war und ist es so. Menschen, die ihre Macht missbrauchen gab es zur Zeit Jesu und gibt es auch heute. Herrscher, Mächtige und Chefs, die nicht in erster Linie anderen dienen, sondern den eigenen Interessen. Wo keinerlei Kritik gehört wird. Wo es unter Umständen sogar gefährlich wird, sie zu hinterfragen.
Ich bin gerade in der aktuellen Lage froh, dass unsere Politiker Macht haben und Entscheidungen treffen und durchsetzen können. Und dass sie dies mit großem Verantwortungsbewusstsein tun. Weil sie, das ist zumindest mein Eindruck, das Wohl der Menschen im Auge haben. Was wäre unsere Krisenzeit ohne eine handlungsfähige Regierung? Nichts wäre geregelt und vieles käme noch schlimmer.
Manches am Politikzirkus sehe ich kritisch. Aber ich bin dankbar, dass ich in diesen Zeiten viele verantwortungsbewusste Politikerinnen und Politiker erlebe. Manche scheinen Charakterzüge zu entwickeln, die ich ihnen bis vor Kurzem so nicht zugetraut hätte. Für mich zeigt sich in diesen Wochen so mancher Politiker auf gute Weise als Diener des Volkes.
Jesus sagt: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“
Ja, es braucht schon auch Macht in dieser Welt. Aber Macht, die den Menschen und der Gesellschaft dient. Im Himmelreich mag es einmal anders sein. Da mögen Rangordnungen aufgehoben werden. Da mag es keine Überordnung und Unterordnung mehr geben. Aber noch leben wir in dieser abgründigen und zugleich doch so schönen Welt.
Ich wünsche uns allen gute Gesundheit und eine gesegnete neue Woche.