Palmsonntag – 5. April 2020
Predigt von Dekan Dr. Wolfgang Bub zu Matthäus 21,1-11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

dicht an dicht stehen die Menschen. Sie singen und jubeln und rufen „Hosianna!“ Etliche laufen vorweg. Kindern drängeln sich durch die Beine der Erwachsenen oder werden gleich auf deren Schultern gesetzt. Von hinten reichen sie Zweige durch. Es riecht nach frischem Holz. Ein grüner Teppich aus Palmzweigen entsteht. Ausgebreitet für den König aller Könige, den Heiland, Retter und Tröster.

So zieht Jesus in Jerusalem ein. Ankunft des Messias bei seinem Volk. Ein Einzug, wie er sich für einen König gehört. Und wie es der Prophet vorhergesagt hat: „Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres.“

Das ist die biblische Geschichte zum Palmsonntag, wie sie in den Evangelien überliefert ist.

Einzüge gibt es auch in unserer Kirche. Wenn Jugendliche ihre Konfirmation feiern; wenn Brautpaare sich kirchlich trauen lassen; wenn Pfarrerinnen oder andere Mitarbeitende eingeführt werden.

Oft ist es üblich, dass dabei ein Kreuz vorangetragen wird. Zeichen dafür, dass die Ehre letztlich Christus selbst gilt. Wie beim ersten Palmsonntag: „Siehe, dein König kommt zu dir.“

Ausgerechnet eine Eselin und ihr Füllen hat sich Jesus für seinen Einzug ausgesucht.

Wir sagen manchmal abschätzig: „Der ist aber ein Esel!“ Schade und letztlich unzutreffend, dass dieses willensstarke Tier bei vielen einen so negativen Ruf hat.

Im Orient galt und gilt der Esel als besonders intelligent und sinnlich. Dass der Esel dumm sei ist eine nachantike, europäische Auffassung. Schon bei der Geburt Jesu soll ein Esel dabei gewesen sein. So erzählen es die Legenden, die sich bald um das Weihnachtevangelium bildeten. Und dieser Esel habe mehr vom Messias verstanden als die Menschen.

„Der Herr bedarf ihrer“ – das sollen die Jünger sagen, wenn einer sie fragt, warum sie die Eselin mit ihrem Füllen losbinden.

„Der Herr braucht sie“ – das könnte man auch über viele Frauen und Männer unserer Gesellschaft sagen. Es gilt für all diejenigen, die dafür sorgen, dass Menschen leben können und unsere Gesellschaft überhaupt funktioniert. In Normalzeiten sind die meisten davon kaum im Blick. Dass Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger vielfach zum Segen für andere wirken, das ist vielen schon immer bewusst. Vergessen wurden aber allzu oft die Reinigungskraft im Klinikum, die Verkäuferin im Discounter, die Altenpflegerin im Seniorenheim, der Busfahrer im öffentlichen Nahverkehr, Angehörige von Polizei und Rettungsdiensten, die Männer, die auch jetzt die Straßen unserer Altstadt säubern und viele andere.

In diesen Tagen wird überdeutlich bewusst, dass gerade sie dazu beitragen, dass Menschen auch in dieser Krisenzeit leben können. Sie helfen mit, dass andere nicht hungern müssen. Sie tragen dazu bei, dass unsere Gesellschaft – wenn auch mit vielen Einschränkungen – funktioniert. So werden sie – in der Sprache des Glaubens – zum Segen für andere. Wir können es auch in das Bild des Palmsonntags fassen: Der Herr bedarf ihrer. Als seine Esel im allerbesten Sinn sind sie unterwegs und bringen Christus und seine Barmherzigkeit zu den Menschen. Das Hosianna des Palmsonntags kann auch im Blick darauf gerufen und gesungen werden.

Der Herr braucht Menschen, die sich mit ihren Gaben und Fähigkeiten einbringen. Jede und jeder ist an seinem Ort dazu gerufen. Er braucht uns alle mit unseren unterschiedlichen Kompetenzen. Jede und jeder soll schauen, was er tun kann. So will seine Liebe und Barmherzigkeit unter die Menschen getragen und konkret werden.

Danke allen, die in diesen Tagen als hilfreiche, belastbare und willensstarke Esel unterwegs sind! Sie tun uns gut!

Manchmal braucht er dabei auch die störrischen Esel. Die Querdenker. Die mit den ganz anderen Ideen. Mit Beharrlichkeit und gelegentlichem Eigensinn.

„Lass mich Dein Esel sein“ – so betete der brasilianische Erzbischof Dom Hélder Camara. Er sah seine Aufgabe darin, Träger der Liebe zu sein, Lasten anderer mitzutragen, Esel für Christus zu sein. Immer wieder hat er darum gebetet, die Kraft zu haben, Christus zu den Menschen tragen.

Schön, wenn auch Bischöfe und andere Mächtige nicht in erster Linie auf ihre Macht und ihren Status bedacht sind, sondern vor allem ihre tragende Rolle für die Menschen erkennen und leben.

Solche Christinnen und Christen wünscht sich unser Herr. Solche Frauen und Männer sind ein Segen – nicht nur in abgründigen Krisenzeiten.

Ich wünsche ihnen einen gesegneten Palmsonntag, dazu ein bewusstes Zugehen auf Karfreitag und Ostern, mit eingeschlossen uns allen viel Gesundheit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.