Gebet zum Karfreitag
von Pfarrerin Godila Baumann
10. April 2020

Psalm 22, 2-6.12.23-30

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
4 Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.
5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich
und wurden nicht zuschanden..
12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.
23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern,
ich will dich in der Gemeinde rühmen:
24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs, und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!
25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen
und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu ihm schrie, hörte er’s.
26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde,
ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.
27 Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden;
und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen;
euer Herz soll ewiglich leben.
28 Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker.
29 Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Völkern.
30 Ihn allein werden anbeten alle Großen auf Erden;
vor ihm werden die Knie beugen alle,
die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.
 
Predigt zum Karfreitag

Liebe Gemeinde!

Hier schreit einer – gefoltert, gequält, verspottet, verlassen.
Hier schreit eine um ihr Leben, um die Wahrheit ihres Lebens, um ihren Glauben an den Gott der Väter und Mütter.
Hier schreit einer seine Not zum Himmel: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Der Vorhang im Tempel zerreißt, aber der Himmel öffnet sich nicht. Er scheint unberührt von diesem verzweifelten Hilferuf. Anders die Sonne. Sie verfinstert sich, so als fühlte sie das Leiden dieses einen mit, seine Verzweiflung, seine Gottesfinsternis (Markus 15,33).
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Der Schrei am Ende eines Weges, den dieser eine gegangen ist durch die Städte und Dörfer Palästinas, damals vor fast 2000 Jahren. Gott will er auf den Weg zu den Menschen, zum Hause Jakobs bringen, den Gott der Väter und Mütter, den Gott, der befreit aus Knechtschaft und Not. Verstaubt, schweißverklebt am Teich der Krüppel und Aussätzigen, auf den Plätzen der um ihr Leben Betrogenen, erzählt er vom Gottesreich, das kommt. Und weil Worte nicht ausreichen, um Wirklichkeit, um Leben nachhaltig zu verändern, geschehen auf diesem Weg Zeichen, sichtbare, erfahrbare Zeichen.

Blinde bekommen in seiner Nähe einen Blick für die Welt; Lahme lernen den aufrechten Gang; Aussätzige werden heil – sie gehören wieder dazu; und den Armen wird die gute Botschaft gesagt: dass sie Erben der neuen Welt Gottes sind. Leben und Genüge sollen sie haben in Gottes neuer Welt, und nicht erst dann! Das Wunder gelingt: Hände – zuvor müde – fassen mit an, streicheln, trösten, teilen Brot und Leben.

Ja, dieser eine hat seinen Blick nicht abgewendet von der Not der Menschen. „Er hat nicht verachtet und verschmäht das Elend der Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; als er zu ihm schrie, hörte er´s.“ So hat er den lebendigen Gott neu auf den Weg gebracht, damals in den Dörfern und Städten Palästinas, und wurde selbst zum Inbegriff des Lebens, zur Heimat für viele.
Aber dann kommen Nächte und Tage der Angst, Nächte und Tage der Schmerzen und – am Ende der bittere Tod am Kreuz. Das Lob Gottes erstirbt im Schrei des Gemarterten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warum zeigst du dich nicht, Gott? Warum hilfst du nicht?
Unzählige haben so geschrien, vor ihm und nach ihm, haben mit ihm so zum Himmel geschrien – aus den Kämpfen und Niederlagen des Lebens und der Geschichte, aus persönlichem Schmerz und gesellschaftlichem Leiden, aus unsagbarem Grauen.
Warum bin ich allein zurückgeblieben, ohne meinen Mann? So klagt die Witwe mit tränenerstickter Stimme im Trauergespräch.
Und in den Augen einer jungen, krebskranken Frau auf der Intensivstation lese ich die Fragen: Warum muss ich mich so quälen? Was wird mit meinem Mann und meiner Tochter, wenn ich nicht mehr da bin?
Warum trifft es gerade mich und meine Familie? Gerade entlassen kommt sich der 51-jährige Familienvater entbehrlich und überflüssig vor.
Über das Leid in meiner nächsten Umgebung hinaus habe ich die vielen bedrückenden Berichte und Bilder aus Geschichte und Gegenwart vor Augen – zuletzt von Menschen auf der Flucht.

Warum, Gott, warum?! Warum hast du sie, warum hast du uns verlassen?!
Wie in einem Brennglas kommen im Schrei des Einen am Kreuz all die Schreie der Bedrängten, der Gequälten, der Verdammten dieser Erde zusammen.
Gut, wenn dieses „Warum?“ noch eine Richtung hat, wenn es nicht herausgeschrien wird in das namenlose Nichts einer willkürlichen Schicksalsmacht. Gut, wenn es hinaufgeschrieen wird zum Himmel; wenn es zu Gott geschrieen wird; wenn Gott angerufen wird, mit Gott gerungen wird angesichts all der Not, alles des Leidens, all der Bedrängnis. Denn Gott allein ist es doch, der helfen kann: Gott, „der mich geschaffen hat samt aller Kreatur“; „Der Gott, der mich liebet, der mich kennet und bei meinem Namen nennet.“
Diesen Gott lässt das Schreien der Menschen nicht unberührt. Auch wenn der Himmel manchmal grausam verschlossen scheint: Dieser Gott hört das Schreien! Er leidet mit in der Todesnacht des einen und in den ruhelos durchwachten Nächten der vielen.
Ja, Gott hört das Schreien – und Gott hilft. Davon können manche Menschen im Rückblick berichten, von dieser Hilfe. Dass der Tränenstrom schließlich getrocknet und ein neuer Ausblick, ein neues Leben möglich wurde; Dass Menschen sich berühren ließen vom erlittenen Unrecht und Fremde aufnahmen und hinüberretteten über die nächsten Wochen und Monate; dass andere halfen, Fürsprache einlegten, vermittelten – und es auf einmal doch weiterging, genug zum Leben da war. Ja, Gott hilft. Davon erzählt auch die Bibel. Und sie tut es in einem großen Bogen, hilfreich und tröstlich für alle. Sie erzählt davon, dass der Schrei des einen nicht ungehört verhalltes, dass Gott ihn auferweckte am dritten Tag. Neues Leben gibt es mitten in den unzähligen Todesnächten der Welt. Neue Hoffnung kann wachsen, wo uns doch so oft alles trost – und hoffnunglos erscheint. Ein neuer Weg wird erkennbar, ein Weg, an dessen Ziel es keine ruhelos und tränenreich durchwachten Nächte mehr geben wird; auch kein Ringen mit Gott, dass er sich doch endlich zeigen möge, die Not wenden möge. Denn der Himmel öffnet sich, die Todesnächte der Welt weichen dem Morgenrot einer neuen Zeit – und die Welt wird allen zur Heimat – endlich!
„Und es werden gedenken und sich zu HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.
Denn des Herrn ist das Reich, und er herrscht unter den Heiden.
Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Gebet

Warum, Gott?!
So rufen viele zum Himmel hinauf,
und manchmal gehören auch wir dazu
in den Dunkelheiten unseres Lebens,
in den Nächten dieser Welt.
Viele schreien,
weil sie krank sind oder allein,
weil sie Trauer tragen und mutlos sind,
weil sie vertrieben werden und ohne Obdach und Brot sind,
weil sie gequält und ausgebeutet werden,
weil sie dem Sterben entgegensehen.
Viele schreien,
nach Erbarmen und Glück,
nach Liebe und Gerechtigkeit,
nach dem letzten Halt,
nach Händen, die helfen und trösten, heilen und teilen.
Gott, die Welt schreit nach Erlösung,
ruft nach deinem Reich,
sehnt sich nah Auferstehung,
und Leben aus deiner Hand.
Höre dieses Schreien, Gott,
wende die Not,
erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.