Sonntag Laetare – 22. März 2020

Predigt von Dekan Dr. Wolfgang Bub zu Jesaja 66,10-14

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Prophetenbuch Jesaja. Dort spricht der Prophet im 66. Kapitel: Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Ihr werdet‘s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Liebe Gemeinde,

den Sonntag „Lätare“, auf gut deutsch „freut euch“ begehen wir heute. Mitten in der Passionszeit, in der wir immer wieder auf den Leidensweg Jesu schauen, mitten in schwierigen Zeiten ein eher positiv gestimmter Sonntag.

In manchen Regionen unseres Landes gehören – zumindest in normalen Zeiten – zu diesem Sonntag Umzüge. Mit Bändern und Brezeln geschmückte Wagen ziehen durch Orte. Höhepunkt ist mancherorts, dass eine mitgeführte Strohpuppe verbrannt wird. Zeichen für den Winter, der so gut wie vorbei ist – wenn man in diesem Jahr überhaupt von einem Winter sprechen kann.

Laetare – mitten in der Passionszeit. Da dürfen auch eingefleischteste Passionschristen ihr Passionsgesicht ablegen. Wer in den vergangenen Wochen eifrig gefastet hat, darf heute richtig zugreifen, essen und trinken, was schmeckt. Für Passionsgesichter und Fastenfans ist gewissermaßen Halbzeitpause.

Die Menschen haben sich immer ein wenig schwergetan, Fastenzeiten ohne Unterbrechung zu begehen. Sieben Wochen ohne – in der Passionszeit – sind schon ambitioniert; genauso wie vier Wochen ohne – im Advent – ja so gut wie gar nicht geht. Da muss man schon sehr engagiert religiös sein. Es braucht auch viel Kraft, wochenlang ohne größere soziale Kontakte, ohne gesellschaftliches Leben, ohne Normalität die Tage zu verbringen.

Der letzte Teil des Jesajabuchs passt zum Sonntag Laetare. Mit seinen Worten versucht der Prophet, die Traurigkeit seiner Zeitgenossen zu durchbrechen. Weg von den Sorgen der Zeit. Weg von den Leiden, welche die Menschen beschäftigen. Weg von den Fragen, wie es denn nun weitergehen wird.

Die Menschen, zu denen er spricht, befinden sich im Exil in Babylon. Die Heimat verloren und weit, weit weg vom geliebten Jerusalem. Familien zerrissen. Eine schon etliche Jahre andauernde Passionszeit, Corona auf andere Weise. Wenig Grund zum Lachen, zur Freude. Diejenigen unter uns, die vor vielen Jahren aus ihrer Heimat vertrieben wurden, die in den letzten Jahren in unser Land gekommen sind, um hier Asyl zu finden, oder in besonderer Weise unter der aktuellen Situation leiden, können vielleicht am besten nachempfinden, wie es den Zeitgenossen des Propheten ging,

Diesen Menschen malt der Prophet positive Bilder vor Augen: Freut euch mit Jerusalem! Seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebt! Freut euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Sonne sein. So klingt es in einem Osterlied aus unserem Gesangbuch.

Aber Freude gibt es nicht auf Kommando. Und nicht wenige tun sich schwer damit, wegzusehen von dem, was das Leben schwer macht und zu entdecken, was doch weiterhelfen und trösten kann.

Der Prophet erzählt den Menschen, was er hilfreich findet. In Zeiten, in denen viele den Angst- und Traurigkeitsvirus in sich tragen, will er sie mit seiner Freude anstecken. Als Hilfe, das Leben zu leben, doch mit mehr Gottvertrauen unterwegs, zu sein.

Der Prophet schaut auf die gesellschaftlichen und politischen Zustände. Die Menschen sehnen sich nach Frieden. Sie möchten einfach leben. Sich geborgen wissen. Keine Gewalt mehr. Keine Kriege, keine Ängste mehr. Keine Krankheiten und keine lähmenden Sorgen mehr.

Diesen Hintergrund muss man sich vorstellen. Dann kann man eher verstehen, warum der Prophet mit seinen Worten so positive Bilder vor Augen malt. Die Menschen haben genug gelitten; damit muss jetzt Schluss sein. Trost wird den Menschen zugesprochen, Trost von Gott her. Eine Stärkung, die sie saugen und einschlürfen dürfen wie Babys die Muttermilch. Eine Stärkung, die sie leben lässt.

Denn Gott spricht: Nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes … Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Wunderschöne Bilder, die mich in diesen Tagen besonders ansprechen. Letzte Woche bin ich zum zweiten Mal Opa geworden. Der Kleine Paul saugt und schmatz inzwischen an der Brust seiner Mutter. Man kann hören und sehen, wie ihm das sichtlich gut tut und hilft, mehr in dieses Leben hineinzufinden und zu wachsen.

Die ersten Lebenserfahrungen sind für Babys besonders wichtig. Sie prägen das weitere Leben und können helfen, dass nicht Ängste, sondern Vertrauen wächst. Vertrauen ins Leben, in die Mutter, in andere Menschen, zu sich selbst.

Ängste sind im Leben schon auch wichtig.

Sie können helfen, mit Gefahren angemessen umzugehen.

Sie können vor allzu großen Risiken bewahren. Dass wir uns nicht auf manches einlassen, was uns doch nur schaden kann.

Mir ist gerade vor denen Angst, die furchtlos unterwegs sind und deshalb sich fahrlässig und andere gefährdend verhalten.

Aber zu den berechtigten Ängsten soll ein gesundes Gottvertrauen treten. Dass Gott es doch gut mit uns meint und uns helfen will, durch die vor uns liegenden Tage und Wochen zu kommen.

Der Prophet malt es uns mit seinen Bildern und Vergleichen vor Augen: Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Ein wunderschönes Gottesbild. Auch ein sehr weibliches Gottesbild, das manchen, der mit Gott eher patriarchalische Bilder wie Vater, Herr oder König verbindet, auch herausfordern kann.

Ob wir mit Gott auch solche Bilder und Erfahrungen verbinden? Die Mutter, bei der wir uns bergen können? Die unserem Hunger nach Liebe und Leben begegnet? Die da ist für uns und zu der wir immer wieder kommen dürfen?

Ob uns das hilft – mitten drin in manchen Ängsten. Mittendrin in einer Welt, die immer mehr in Unordnung zu geraten scheint. Mitten drin in der Sorge, wie es weitergehen wird – mit den Krisenherden dieser Erde, mit der Migration, mit dem Corona-Virus?

Angst oder Vertrauen – wer ist dabei die bessere Lebensberaterin? Wer von beiden ist die bessere Politikberaterin?

Ich denke, es braucht beides.

Berechtigte Angst kann uns vor Leichtsinn und unnötigen Risiken bewahren. Gerade jetzt.

Angst alleine aber wird nicht weiterführen.

Der Glaube nimmt die Ängste ernst.

Aber er erzählt darüber hinaus von dem, was Gott unseren Angsterfahrungen entgegensetzt: Dem Tod das Leben, der Resignation die Hoffnung, dem Misstrauen das Vertrauen, dem Hass die Liebe. Auch deshalb Laetare.

Freut euch über diesen Gott, den wir zwar oft nicht verstehen, der auch ein nicht zu fassender Abgrund ist, der aber doch nahe ist und unser Vertrauen in ihn, ins Leben, in andere und in uns selbst stärken will.

Ich wünsche Ihnen und den Ihren einen gesegneten Sonntag und viel Gesundheit. Danke allen, die gerade in diesen Tagen für andere da sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.