Gebet zum Ostersonntag

12. April 2020
von Pfarrerin Godila Baumann

Predigttext Markus 16,1-8: Die Auferstehung Jesu

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Predigt

Liebe Gemeinde!
“Sie flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.”
Das ist der Schluss des Markusevangeliums.
Die Verse danach haben spätere Leser dem Evangelium hinzugefügt. Sie sagten sich: So kann das Evangelium nicht enden. Es ist eine frohe Botschaft – und Markus sagt: Sie fürchteten sich.
Ganz anders Matthäus. Der Auferstandene erscheint den Jüngern und spricht zu Ihnen “siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Das ist tröstlich.
Oder Lukas: Der Auferstandene erscheint den Jüngern, er fährt in den Himmel. Die Jünger „waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“
Österliche Gemeinde, wie sie sein soll. Ein gutes Vorbild.
Und Markus: „Sie fürchteten sich.“
Spätere Leser haben nach dem Muster von Matthäus und Lukas dem Markus-evangelium einen tröstlichen Schluss angehängt. Damit haben sie durchaus im Sinne des Markus empfunden. Er wollte das persönliche Osterbekenntnis her-ausfordern. Nur dass ein paar Leser sehr weit gegangen sind, indem sie sein Evangelium veränderten.

Furcht, Zittern und Entsetzen hatte die Frauen ergriffen. So reagiert in der Bibel ein Mensch, wenn er Gott begegnet. An ihrem Entsetzen erkennen wir, dass die Frauen wirklich Gott begegnet sind. Beschrieben wird es nicht. Der Stein, der die Grabkammer verschlossen hat, ist einfach weg. Wir erfahren nicht, wie.
Ein Jüngling in weißem – himmlischem – Gewand, sitzt – thront – im Grab, auf der rechten Seite – der glückverheißenden, der Seite des Lebens.
Ist es ein Engel, ein Bote Gottes, der Auferstandene?
Sie entsetzen sich. Er sagt: Entsetzt euch nicht! Typischer Engelgruß. So spricht der Herr: Fürchte dich nicht; der Herr ist mit dir. Entsetzt euch nicht. Er ist auf-erstanden. Sie entsetzen sich.
Es ist kein Leichnam da. Wie das kommt, erfahren wir auch nicht. Er ist nicht hier, nicht im Grab. Seine Anhänger sollen nicht einen toten Helden verehren. Es ist nichts da, was man in einer Vitrine aufbewahren kann. Das geht nur mit Totem. Der Herr aber ist auferstanden, er lebt auf neue Art.
Sie verstehen nicht, fürchten sich. Diese Reaktion ist angemessen, weil etwas ganz Großes geschehen ist, das alles Begreifen übersteigt. Der Tod ist ver-schlungen vom Sieg. Das Leben triumphiert.
Sehr früh, die Sonne geht auf. Der Sabbat, die Ruhe im Grab ist vorüber. Es ist der 1. Tag der neuen Schöpfung. Ein neuer Anfang ist geschehen. Das Osterlicht ist schon aufgegangen über den Frauen. Sie sind aber noch in den Gedanken an den Tod gefangen – wie wir. Sie bringen zwei Dinge mit zum Grab wie wir.

Zum einen: Wohlriechende Öle.
Der Wohlgeruch soll den Tod überdecken, damit er irgendwie auszuhalten ist.
Wir wollen etwas tun, mit dem Guten, Schönen und Wahren umgehen, sind bereit, etwas Wertvolles zu opfern. Eigentlich wird der Leichnam vor der Be-stattung einbalsamiert. Auch Jesus ist für sein Begräbnis und als König gesalbt worden, schon in Bethanien. Nun ist das nicht mehr möglich.

Ostern bedeutet zuerst, den Tod wirklich wahrzunehmen. Er ist das Nichts. Es bleibt nichts mehr zu tun. Auch darüber entsetzen wir uns. Wir sind noch mit dem Vergangenen und Vergänglichen beschäftigt. Das ist umsonst. Wir können ihn nicht wie ein Museumsstück bewahren. Er ist der Herr, er lebt, er ist nicht tot.

Zum andern: Wir bringen unsere Sorgen mit.
Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Er ist sehr groß. Der Angststein liegt auf unserer Seele. Vom Grab ist er schon entfernt. Wir denken, das ist zu einfach. Es darf nicht so leicht sein. Wir wollen etwas leisten. Mit unseren An-strengungen vergrößern wir die Sorge nur, immer unsicher, ob es wohl genügt.
Neue Lebensmöglichkeiten schenkt allein Gott. Wir entsetzen uns darüber, dass all unsere Sorge umsonst ist. Das ist aber eine heilsame Erkenntnis.

Nun bekommen die Frauen zwei Dinge aufgetragen und wir mit ihnen:
Geht und sagt.
Geht zu den andern. Tut euch zusammen, die ihr zu ihm gehört. Geht ins Le-ben, denn da ist er. Er wird euch vorangehen. Ausgrabungen in den Grabkam-mern von Sorgen und Schuld, Verehrung von Totem – das bringt nur Furcht und Zittern.
Bleibt nicht beim Grab stehen. Geht nach Galiläa.
Galiläa ist die Alltagswelt im Evangelium. Jerusalem ist der Ort der Feste. Da kann man nicht immer bleiben. In Galiläa ist Jesus mit ihnen gewandert, hat Vergebung zugesprochen und geheilt.
In unserem jeweiligen Galiläa, in unserer Alltagswelt erwarten wir genau das von ihm. Er geht alltäglich mit uns, steht uns zur Seite in unserem unfeierlichen Dasein.

Der Angststein schließt unser Herz ab wie ein dunkles Grab. Für uns allein ist er viel zu schwer. Wegwälzen kann ihn nur ein anderer. Er geht euch voran in den neuen Morgen. Geht und sagt es euch gegenseitig.
Einer sagt dir: Bleib nicht im Dunkeln zurück. Das Osterlicht scheint schon. Geh in deinen Alltag, er wird dir vorangehen und dir den Weg zeigen. Das Wort richtet dich auf, du kannst nicht sagen, wie. Aber dein Herz wird leicht. War es ein Engel, der zu dir sprach, ein Bote Gottes, der Auferstandene?

Jesus hatte bei Wundern Schweigen geboten. Keiner hatte sich daran gehalten, sie haben geredet.
Jetzt wird ihnen geboten zu reden und sie schweigen.
Schweigen ist allemal besser als verständnisloses Plappern. Das Auferste-hungswunder entzieht sich allen Begriffen. Wir sind sprachlos.
Irgendwann werden wir genug geschwiegen haben. Das Entsetzen wird wei-chen. Dann werden wir reden können.
Es wird Morgen werden, wir werden einen Weg erkennen. Wir werden gehen und sagen.

Das Evangelium bekommt viele persönliche Schlüsse, deinen und meinen.
Deshalb lässt Markus das Ende offen. Er kann es nicht für uns schreiben. Keiner kann das für den anderen vorschreiben. Jeder hat seinen eigenen Ausgang aus dem Grab. Mit jedem findet Gott einen Weg ins Osterlicht.
Wir sollen das Evangelium nicht zuklappen und sagen: Unglaublich war das damals. Wir schreiben es fort. Es weist in unser jeweiliges, ganz normales Le-ben. Da findet das Evangelium seine Fortsetzung. Die drucken wir nicht in die Bibel, wie es vor langer Zeit einige mit dem Markusevangelium getan haben. Das Evangelium hat einen offenen Schluss. Offen für Gottes Weg mit jedem einzelnen. Der Herr ist auferstanden

Und der Friede Gottes, der so viele höher ist als all unser menschliches Begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Gebet
Herr, unser Gott,
du rufst uns mit Jesus aus dem Tod ins Leben.
Wir bitten dich: Lass uns nicht in dunkler Nacht bleiben.
Schenke uns wieder Hoffnung.
Inmitten von Tod und lähmenden Zweifeln
schenke uns Hoffnung auf Leben und auf Freude in dir.
Das bitten wir durch Christus, unseren Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert in alle Ewigkeit. Amen.

Ostersegen
Der Gott der Hoffnung erfülle euch durch den Glauben mit aller Freude und mit allem Frieden, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes.
So segne und behüte euch der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Osterfest! Bleiben Sie gesund!

Ihre Pfarrerin Godila Baumann